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NORDSEE-ZEITUNG Bremerhaven , 11.01.2002

"Wir wettern die Krise ab"

Lloyd-Werft-Chef Werner Lüken glaubt an die Zukunft des Schiffbaus in Bremerhaven Der Schiffbau fasziniert
nach wie vor viele Bremerhavener - allen Krisen der Branche zum Trotz. NZ-Redaktionsmitglied Christoph Barth sprach mit Werner Lüken, geschäftsführender Gesellschafter der Lloyd Werft.

NZ: Wenn die "Norway" oder "QE 2" zur Lloyd Werft kommen, stehen die Leute scharenweise an der Schleuse. Wie erklären Sie sich diese Faszination?
Lüken: Die Bremerhavener sind eng mit dem Schiffbau verbunden - und ich meine, ganz besonders auch mit der Lloyd Werft. Immerhin sind wir hier die älteste Werft - es gibt uns seit 1862. Viele Bremerhavener Familien arbeiten seit Generationen auf der Werft. Das sind Traditionen, die verbinden. Darüber hinaus strahlen die Kreuzfahrtschiffe eine große Faszination aus, besonders die "alten Damen", die Sie erwähnt haben und die wir gerade im November/Dezember bei uns hatten.

NZ: Faszinieren diese Schiffe Sie persönlich auch noch?
Lüken: Oh ja, absolut. Wenn ich im Dock stehe und diese schnittigen Rumpfformen sehe, bin ich immer wieder hellauf begeistert.

NZ: Die Probleme der Werften sind allerdings auch hinlänglich bekannt: Ende der 80er Jahre arbeiteten noch fast 5.000 Menschen auf den Werften, jetzt nur noch 1.500. Welches sind die wichtigsten Ursachen für diesen Niedergang?
Lüken: Diese Betrachtungsweise ist nicht ganz ehrlich: Richtig ist natürlich, dass die Zahl der Beschäftigten zurückgegangen ist. Aber mit den verbliebenen Mitarbeitern machen wir heute einen größeren Umsatz als früher. Auf der Lloyd Werft erzielen wir heute mit 570 Mitarbeitern Umsätze zwischen 250 und 800 Millionen Mark im Jahr; früher hatten wir 1.000 Leute, und der Umsatz lag bei 100 Millionen. Wir haben durch modernes Management mehr Aufgaben auf Zulieferfirmen verlagert, "outgesourct". Der Rückgang der Beschäftigung auf den Werften ist also nicht so krass, wie die Zahlen vermuten lassen. NZ: Weil dort jetzt mehr Arbeit von Zulieferern erledigt wird. Lüken: Richtig. Diesen Pool von Partnerfirmen müssen wir uns erhalten. Die Hamburger Werften beneiden uns darum, weil unsere Zulieferer in der Lage sind, in kürzester Zeit auch große Aufträge abzuarbeiten.

NZ: Ein großer Einschnitt war die Vulkan-Krise 1996. Hatten Sie damals den Gedanken aufzugeben?
Lüken: Natürlich gab es Momente, wo man die Sache am liebsten hingeschmissen hätte. Aber in erster Linie haben wir die Verantwortung für unsere Mitarbeiter gesehen. Es war für uns einer der schwersten Momente, als wir uns von 180 Mitarbeitern trennen mussten - in dieser Größenordnung hatte es das auf dieser Werft noch nicht gegeben. Aber die Arbeitsplätze der anderen Mitarbeiter zu erhalten, das war die größte Triebfeder.

NZ: Nach einer vorübergehenden Stabilisierung der Situation drohen jetzt neue Probleme: In der Kreuzschifffahrt bleiben nach dem 11. September die Passagiere aus, in der Containerschifffahrt liegen die Frachtraten wegen der weltweiten Konjunkturflaute am Boden. Wo geht die Reise hin?
Lüken: Zurzeit sieht es nicht gut aus, das stimmt. Wir meinen aber, dass sich die Situation in der Kreuzschifffahrt in einigen Monaten wieder verbessern wird. Die Leute wollen ja weiter auf Kreuzfahrten gehen, haben zurzeit nur Angst vor dem Hin- und Rückflug. Das wird sich geben. In der Containerschifffahrt halte ich die Krise für länger während, weil die Überkapazität an Schiffen groß ist und die Weltwirtschaft zurückgeht. Als Lloyd Werft mit unseren drei Geschäftsfeldern Reparatur, Umbau, Fertigbau glauben wir aber, diese Krise abwettern zu können.

NZ: Auch im Fertigbau von Kreuzfahrtschiffen wie der "Norwegian Sky" und "Norwegian Sun"?
Lüken: Wir sind nach wie vor mit Reedern im Gespräch. Ich gehe fest davon aus, dass wir in diesem Jahr mindestens einen Auftrag zeichnen werden - ich hoffe, sogar schon zu Beginn des Jahres.

NZ: Obwohl die EU Kreuzfahrtschiffe ganz aus der Werftenhilfe herausfallen lässt?
Lüken: Wir benötigen keine Förderung, wenn anderen auch keine bekommen. Die Reeder lassen auch Kreuzfahrtschiffe bauen, wenn diese sieben Prozent teurer sind. Aber die EU senkt mit ihrer Schiffbaupolitik natürlich die Hürde für die Koreaner, in diese letzte europäische Bastion einzudringen. Da sehe ich die Gefahr. Die ersten Versuche sind ja schon da.

NZ: Werden die Koreaner uns wie bei den Containerschiffen und Tankern irgendwann den Rang ablaufen?
Lüken: Die Gefahr ist gegeben, aber es wird wesentlich länger dauern, weil dort die ganze Infrastruktur fehlt. Und - das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch: Die Koreaner haben keinen Geschmack. Sie wissen nicht, was schön ist auf einem Kreuzfahrtschiff. Diese Kultur muss sich dort erst entwickeln, und das dauert noch ein paar Jahre. Mit dem ersten Schiff werden sie riesige Verluste machen, aber wenn sie das "koreanisch ausgleichen" - also über den Staat, wie üblich - wird es für uns kritisch.

NZ: Ihr Hauptgesellschafter, Bridgepoint Capital, will seine Anteile verkaufen. Was bedeutet das für die Werft?
Lüken: Das ist ein ganz normaler Vorgang, weil das Engagement von Bridgepoint von Anfang an auf drei bis fünf Jahre begrenzt sein sollte. Wir haben mit diesem Gesellschafter wirklich Glück gehabt, auch wenn die Meinungen jetzt etwas auseinandergehen: Unser Gesellschafter will natürlich vor allem einen hohen Preis erzielen, während für uns der Fortbestand der Werft oberstes Ziel ist. Das haben wir vertraglich auch so abgesichert - da führt also kein Weg dran vorbei.

NZ: Unterm Strich: Wird es die Bremerhavener Werften zum 200. Stadtjubiläum in der jetzigen Konstellation noch geben?
Lüken: Ich kann natürlich nur für die Lloyd Werft sprechen und bin davon überzeugt, dass diese Werft das nächste Jubiläum auch noch erleben wird, mindestens in dieser Größenordnung. Für die anderen Werften hoffe ich das auch - für den Standort ist das ganz wichtig.